Theoretische Ansätze des Übersetzens als Hilfsmittel zur Annäherung an eine selbständige Interpretationshypothese

Von der Theorie zur Praxis

Übersetzen wird im Unterricht also kaum besprochen und auch die didaktische Literatur ist auf einige wenige eher kurze Werke begrenzt. Das folgende Konzept und die dazugehörigen Materialien sollen einen Einstieg in das Thema ermöglichen. Es wird außerdem versucht die genannte Kritik am Umgang mit Übersetzungen aufzunehmen.

Ein mögliches Konzept

In der im ersten und zweiten Kapitel genannten Literatur wird immer wieder der Umstand beklagt, dass sich Leser/innen nicht über die Tatsache bewusst sind, dass es sich bei der gelesenen Literatur um Übersetzungen handelt. Nicht nur wird so der Beruf des/der Übersetzerin nicht hoch genug wertgeschätzt, viel mehr unterscheiden Lesende nicht zwischen originalem und übersetztem Text. Die interpretative Leistung und die Veränderungen können nicht wahrgenommen werden. „Konstitutiv ist vielmehr der Abstand, der zwischen dem Original und jeglicher Übersetzung besteht, und Unaufhebbarkeit dieses Abstands ist das eigentliche Movens der interpretierenden Künste“ entgegnet diesem Robert Musil.[1]

Die Unterrichtsmaterialien gehen auf diese zwei Themenbereiche ein. Einerseits sollen Schüler/innen lernen übersetzte Literatur wahrzunehmen und zu erkennen. So wird gleichzeitig ersichtlich werden, dass abseits des Schulunterrichts vor allem Übersetzungen, meist aus dem englischen Sprachraum herangezogen werden.[2]Andererseits soll die interpretative Leistung einer Übersetzung erkannt werden können, indem die Schüler/innen selbst übersetzen, somit ihre Erst- oder Zweitsprache stärken und unterschiedliche Übersetzungen desselben Textes vergleichen. Vorausgesetzt wird ein gutes Verständnis für die Form der Lyrik. Wissen zu metrische Formen, Klangstrukturen graphisch-visuelle Gestaltungsmittel, und zur Großform werden hier nur aufgefrischt. Sind diese Begriffe noch nicht bekannt, könnten sie aber in kleinere Unterschritten auch anhand des vorliegenden Materials erarbeitet werden. Mittels hermeneutischen Zirkels, „[…]wonach das Verstehen des Ganzen auf dem der Teile beruht und umgekehrt das Verstehen der Teile dasjenige des Ganzen voraussetzt, überprüfen, revidieren und modifizieren.“[3] Schüler/innen lernen in dieser Unterrichtssequenz ihre Fähigkeiten der selbstständigen Gedichtinterpretation kennen. Selegieren der Wörter soll die Mehrdeutigkeit ersichtlich machen, eine Kombination aus Abstrahieren – anhand des genauen Betrachtens der einzelnen Worte und der Sprachunterschiede – in Verbindung mit Antizipieren und Interferieren – anhand des Erstellens der eigenen Version und dem Vergleichen mit den Kolleg/innen und dem Original – sollen den Vorgang des Erstellens einer Interpretationshandlung vor Augen führen. 

Absichtlich beginnt das Unterrichtmaterial nicht mit einer Analyse des Gedichts, sondern mit dem Vergleichen von Buchtiteln. Auf diese Weise soll erst einmal das Interesse am Thema geweckt und die alltägliche Bedeutung im Leben der Schüler/innen veranschaulicht werden.

Mithilfe von drei Übersetzungen wird Rilkes Gedicht Der Panther erarbeitet. Die Hinführung zur Texterschließung verläuft über zählen der Anzahl der Wörter und Formales und Klangliches kann mithilfe theoretischen Unterstützungsmaterials selbständig erarbeitet werden. Mittels dieser Hinführung zur Interpretation sollen die Unterschiede der Versionen erfasst werden. Anschließend soll aus den drei Übersetzungen ein eigenes Gedicht verfasst werden, wobei auch auf innersprachliche Mehrsprachigkeit und Fremdsprachen, die in der Klasse vertreten sind, Rücksicht genommen werden soll. Kinder mit derselben Sprachherkunft können sich in einer Gruppe zusammenschließen und so auch ihre Erst- oder Zweitsprachkenntnisse stärken. 

Erst dann folgt der originale Gedichtstext von Rilke und soll anhand der in den englischen Übersetzungen kennengelernten Kategorien analysiert werden.

In einer schriftlichen Arbeit vergleichen die Schüler/innen die Form und Interpretationsmöglichkeiten ihres eigenen Gedichts mit Rilkes. Sie nutzen Ergebnisse der Textanalyse für die Bildung von Interpretationshypothesen anhand der eigenen Erfahrung Bedeutung in einem Gedicht unterzubringen. Diskontinuitäten und Differenzen zur Lebenswirklichkeit der Lesenden sollen hier im Sinne der Applikation und der Sensibilisierung für die Epoche, für Rilkes Sprachstil sowie für die Eigenheiten eines Dinggedichts einfließen. Die Sequenz endet im lauten Vortrag der beiden Varianten.

Zentral sind genau Sprach- und Lesearbeit und die damit einhergehende Vergewisserung, worum es in einem Text geht. Der Rilke Text und dessen Übersetzungen nehmen in diesem Konzept eine Doppelbedeutung ein: Sie sind Lerngegenstand, an dem die Schüler/innen die Fähigkeiten des Interpretierens und was es heißt, einen Text zu interpretieren, entwickeln und gleichzeitig Lernmedium zu einem tieferen Textverständnis der Dinggedichte und neuen ästhetischen Erfahrungen. (Lösungen sind an sinnvollen Stellen ins Material eingearbeitet.)

(bitte blättern)


[1] Musil, Robert: In Ketten tanzen, S, 8. 

[2] Weinkauff Gina / Josting, Petra: Literatur aus zweiter Hand, S.7.

[3] Ehlers, Swantje: Literaturdidaktik, S. 179.

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