Theoretische Ansätze des Übersetzens als Hilfsmittel zur Annäherung an eine selbständige Interpretationshypothese

Übersetzen ist nicht in erster Linie Teil des Germanistikstudiums. Translationswissenschaften stehen als eigene Fachdisziplin in der Universitätslandschaft. Das bringt den Nachteil, dass sie, obwohl sie vom Wesen her fächerübergreifen ist, keinen Einzug und kaum Kontakt zu Lehramtsstudierenden findet. Aus diesem Grund wird übersetzen bisher in Sprachfächern nur am Rande erwähnt oder geht völlig unter. Reichlich Fachliteratur konnte daher für diese Arbeit gefunden werden. Hingegen didaktische Abhandlungen sind vielfach nur in einzelnen eher kurzen Kapiteln zu finden. Mit dem Fokus auf das Interpretieren ist kaum etwas zu finden Das erschwert die Recherche zu dieser Arbeit, macht sie aber auch umso spannender, da viele Wege noch nicht entdeckt wurden. Jene, an welchen sich die vorliegende Arbeit orientiert, wird nun aufgezeigt.

Theoretische Grundlagen des Übersetzens

Der Ausgangspunkt jeder Übersetzung ist eine Äußerung. Hiermit ist nicht nur die sprachliche Bezeichnung (das Lautbild wird bei Saussure Signifiant genannt / Ausdrucksseite) gemeint. Auch intermediale Übersetzungen müssen im Unterricht mitbedacht werde, wenn auch im Folgenden nicht weiter darauf eingegangen werden kann. Beim Tradieren von einer Sprache in eine andere, spricht Umberto Eco daher ganz allgemein vom Substanzwechsel.[1]

Eco fragt danach, was „Dasselbe“ in einer anderen Sprache nun sei und stellt sogleich klar, dass es mehr als die bloße Bedeutung des Wortes ist. Zwar wechsle das semiotische System, aber hinter einem Wort stecke mehr als eine einfache zielsichere Zuschreibung auf einen absolut identifizierbaren Gegenstand (die Vorstellung bei Saussure Signifié genannt / Inhaltsseite).[2] Die Existenz von Synonymen, von unterschiedlichen Definitionen ein und desselben Wortes, von Begriffskontextualisierungen sowie -diskursen sind Symptome dieses Umstandes.

Abgesehen von diesen Unklarheiten, die auch in einer einzigen Sprache vorkommen, zeichnet sich die Übersetzung, dadurch aus, dass sich Sprachen aus unterschiedlichen Kulturen entwickelt haben. Der zugeschriebene Kontext eines Wortes, kann in einer Sprache ein größerer oder spezifischerer sein als in einer anderen. Eines der eindrücklichsten Beispiele liefert die Kultur in Großbritannien, wo Naziwitze mit lockerer Zuge ausgesprochen werden, während der Begriff „Nazi“ und alles, was damit zu tun hat, in der deutschsprachigen Landschaft ein stark emotionales, ernstes Wort ist und als durch und durch negativer Begriff nicht zum Witzemachen verwendet wird.

Soll ein Text qualitätsvoll übersetzt werden, muss dem/der Übersetzer/in dieser Kontext in der Ursprungs- und der Zielsprache bekannt sein. Gerade bei historischen Figuren, wie zum Beispiel dem Kasperl, kann es sinnvoll sein dem Charakter einen anderen Namen zu geben, der in der Zielsprache und deren Kultur auch eine derartige Rolle im Theater, Puppentheater und in der Literatur spielt. Während der Tagung zu H.C. Artmann stellte Frau Teresa Vinardell Puig eine ihrer Übersetzungen von Lob der Optik aus dem Deutschen ins Katalanische vor. Die Theaterfiguren Caspar und Cätzchen wurden Verfremdet zu Pericu und Cristeta, die der katalanischen Bevölkerung näherstehen als die deutschen Figuren mit deren hintergründigen Geschichte und Bedeutung.

Natürlich stellt sich hier die Frage, wie mit solchen Abweichungen umgegangen werden muss und ob sie überhaupt noch dem Original entsprechen. Robert Leucht zitiert den Übersetzer Fritz Senn. Er sagte dazu im Rahmen einer Übersetzung von James Joyces Finnegans Wake: „Jeder Übersetzungsversuch wird zum Sprachexperiment, das Beachtung verdient, selbst wenn sich von Finnegans Wake dabei das meiste verflüchtigen muss.“[3] Damit stellt er die Übersetzung als autonomes Werk auf eine Ebene mit dem Original, die nur durch ihren Bezug aufeinander in Verbindung stehen.[4] Für Robert Leucht steht daher das Experiment im Fokus. 

Umberto Eco hingegen stellt die Prämisse auf, möglichst text- und autor/innentreu zu übersetzen. Dazu stellt er zwei Maximen auf:

  1. Ein Text B in er Sprache Beta ist die Übersetzung eines Textes A in der Sprache Alpha, wenn bei einer Rückübersetzung von B nach Alpha der dann gewonnene Text A2 in gewisser Weise denselben Sinn wie der Text A hat.[5]
  2. Ein Text soll (besonders bei Texten mit ästhetischer Zielsetzung) die gleiche Wirkung erzeugen, die das Original angestrebt hatte.[6]

Diese Prämissen helfen bei der Beurteilung der Qualität einer Übersetzung. Vor allem der beide Punkte haben auch Auswirkungen auf die Interpretation, die bei einer Übersetzung zustande kommt. Erstens muss die Interpretation bei Transfer von einem semiotischen System in ein anderes so gewählt werden, dass bei der Rückübersetzung nicht andere Synonyme der Ausgangssprache gewählt werden. Zweitens muss die Wirkung erhalten bleiben, womit Eco vor allem die klangliche Ebene der Sprache anspricht. Spielt der Text mit Assonanzen, Anaphern oder einem gleichbleibenden Satzbau, darf eine solche Wirkung in der Übersetzung nicht verloren gehen, durch wortwörtliches Übersetzen.

Blicke auf das Übersetzen aus der Literaturdidaktik

Bisher gibt es nur wenige Werke zum Umgang mit Übersetzungen im Deutschunterricht. Gina Weinkauff bringt das Dilemma für Deutschlehrer/innen auf den Punkt, indem sie die Kritik der Schüler/innen und Eltern, vielleicht auch der Kolleg/innen, die mit übersetzter Literatur einhergeht darstellt. Auf der einen Seite wird übersetzte Literatur häufig als billiger Lesestoff abgewertet oder aber, es entsteht viel schneller der Eindruck überfordert zu sein.[7] Damit ein Buch überhaupt übersetzt wird, muss es aus der Sicht der überforderten Leser/innen einen gewissen intellektuellen Stand erreicht haben. Diese zwei Motive führten auch in der Vergangenheit dazu, dass übersetzte Literatur im hohen Bogen aus dem Deutschunterricht flog.[8] Auch war dafür einst die Höhenkammliteratur verantwortlich, die den Kanon in der Schule vorgab. Übersetzungen von Shakespeare und Molière waren nur in humanistischen Gymnasien gegenwärtig. Heute ist es vor allem die Kinder- und Jugendliteratur in den unteren Schulstufen, die als Übersetzungen thematisiert werden. 

Der heutige Umgang mit Übersetzungen ist, da wo er diskutiert wird, ein anderer. Für leistungsstarke Schüler/innen bietet sich diese Art von Literatur für eine übersetzungskritische Analyse oder zur Reflexion von eigenen Übersetzungen an. Für die anderen kann auch intralinguales Übersetzen interessant sein, bei der in Dialekte übersetzt wird.[9] Natürlich muss dies immer mit einer Analyse einhergehen, in der Bedeutungsunterschiede und somit Interpretationsunterschiede festgestellt werden. Zu unterscheiden werden folgende Ebenen der Äquivalenz zwischen Übersetzungen oder Originaltext und Übersetzung vorgeschlagen: denotative (nur der Inhalt der sprachlichen Zeichen), konnotative (nur die emotionale, assoziative, wertende Bedeutung von Zeichen), textnormative (Gebrauchsnormen von bestimmten Texten), pragmatische (die kommunikative Auswirkung des Textes, beispielsweise Information oder Unterhaltung) und formal-ästhetische (Ähnlichkeiten zwischen den Texten in Form und Ästhetik).[10]

Verfilmungen können ebenso als Vergleich von Interpretationen herangezogen werden. Parallel wird hierbei noch die Medienkompetenz gestärkt und es werden „dem Deutschunterricht ureigene Kompetenzen“[11]gefördert. 

Didaktischen Zugänge im Literaturunterricht erweiterten Abraham und Kepser maßgeblich im Heft Nr. 212 von Deutsch Praxis[12], in dem es nur um das Übersetzen im Literaturunterricht geht. Sie begründen die Bedeutung übersetzter Literatur für den Unterricht mir der Relevanz von kulturübergreifendem Unterricht. Damit sich die Textauswahl nicht nur auf die vorhandenen Sprachen in der Klasse und die Sprachfächer der Schulen begrenzt, wird in dem Heft vorgeschlagen, bei fremdsprachlichen Texten, die nicht übersetzt werden können, vor allem die visuellen und klanglichen Aspekte zwischen Original und Übersetzung zu analysieren. So könnte für unterschiedliche Parameter von Interpretationen unterschiedliche Übersetzungen herangezogen werden, an welchen jeweils nur fragmentarisch und nicht vollständig gearbeitet wird. Ein weiterer Vorteil: ein solcher Zugang ist für alle Schüler/innen gleich schwierig und diese Art von Arbeit an übersetzten Texten kann auch schon mit wenig Interpretationskompetenz geleistet werden.

Schlussfolgerungen für den didaktischen Umsetzung mit dem Übersetzen

Interessant ist zu erkennen, dass Umberto Eco und Frau Vinardell Puig bei ästhetischen Texten beide den Erhalt der Wirkung in den Vordergrund stellen. Ohne ihr wird ein Text meist nicht mehr verständlich. Für den schulischen Deutschunterricht würde das für die vermehrte Auseinandersetzung mit den ästhetischen Zielen eines Werkes sprechen. Dazu bietet sich eine Kombination aus Interpretation und Übersetzungen an. In der Arbeit an Übersetzungen könnte dieser Aspekt durch Vergleichen in den Fokus gerückt werden. 

Durch intralinguale Übersetzungen können nicht nur englischsprachige Texte in der Schule gelesen werden. Diese Art der Erstellung einer Interpretationshypothese kann auch in niedrigeren Schulstufen oder sprachschwächeren Klassen auf fruchtbaren Boden treffen. So können Probleme des fächerübergreifenden Unterrichts, wie ihn Kepser und Abraham vorschlagen, umgangen werden. Ausserdem kann man mit den Vorschlägen zur Form und zum Klanglichen nicht nur auf Fremdsprechen zurückgreifen, die in der Schule gelehrt werden.


[1] Vgl. Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten, S. 301.

[2] Vgl. Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten, S. 45-46.

[3] Senn, Fritz 1999, zitiert nach Leucht, Robert: Die Übersetzung als fortgeführtes Sprachexperiment, S. 16. 

[4] Vgl. Leucht, Robert: Die Übersetzung als fortgeführtes Sprachexperiment, S. 16-17.

[5] Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten, S. 68.

[6] Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten, S. 94.

[7] Vgl. Weinkauff, Gina: Literatur aus zweiter HandAnregungen zum Umgang mit Übersetzungen im Deutschunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH 2013, S. 13.

[8] Vgl. Weinkauff, Gina: Literatur aus zweiter Hand, S. 14. 

[9] Vgl. Weinkauff, Gina: Literatur aus zweiter Hand, S. 17.

[10] Vgl. Koller, Wener 1979, zitiert nach Weinkauff, Gina: Literatur aus zweiter Hand, S. 17.

[11] Weinkauff, Gina / Josting, Petra: Literatur aus zweiter Hand, S. 7.

[12] Abraham, Ulf / Kepser, Matthis: Übersetzungen lesen und schreiben. In: Praxis Deutsch 212 (2008).

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