Theoretische Ansätze des Übersetzens als Hilfsmittel zur Annäherung an eine selbständige Interpretationshypothese

Übersetzen ist eine der verantwortungsvollsten Arten, einen Text zu interpretieren. In einer kindlich-naiven Vorstellung könnte man dazu geneigt sein, Wörter, die man in der zu übersetzenden Sprache nicht kennt, mittels eines Wörterbuches oder einer Übersetzungsmaschine in die Zielsprache zu transferieren. Naheliegend ist für die meisten Schüler/innen vermutlich, dass der Satzbau der Zielsprach anzupassen ist. Das ist aus dem Fremdsprachenunterricht bekannt. Liesse man Schüler/innen ihre Übersetzungen mit derjenigen eines/einer professionellen Übersetzer/in oder bilingualen Person vergleichen, stellten diese mit hoher Wahrscheinlichkeit fest, dass hier zwei unterschiedliche Texte entstanden sind. Und selbst wenn man die Texte von Professionellen nebeneinander betrachtete, lägen mit Sicherheit verschiedene Texte vor. Am Beispiel von Rainer Maria Rilkes Gedicht Der Panther wird an verschiedene Aspekte des Übersetzens herangeführt, die als Hilfestellungen im selbständigen Interpretieren und Reflektieren beginnen und enden. 

Einer der bekanntesten Übersetzer der jüngeren Zeit war der Italiener Umberto Eco (1932 – 2016). Seine Gedanken über das Übersetzen hielt er im Buch Quasi dasselbe mit anderen Worten[1] fest. Ausgehend von sprachwissenschaftlichem Grundlagenwissen, vor allem aus der Semiotik, zeigt Eco nicht nur humorvolle Übersetzungen mit Übersetzungsprogrammen.[2] Besonders die Schwierigkeiten, die beim Übersetzen entstehen sowie Entscheidungen, die gefällt werden müssen, kann der weltberühmte Schriftsteller und Professor für Semiotik einfach verständlich darstellen. Aber inwiefern kann Umberto Ecos Übersetzungstheorie im Literaturunterricht auch Schüler/innen beim Interpretieren unterstützen? Um diese Frage dreht sich die Diskussion in Kapitel zwei als Leitgedanken für das didaktische Material in Kapitel drei.

Hier kristallisierte sich im Rahmen dieser Arbeit die kulturelle Vielfalt an Österreichs und vor allem Wiens Schulen als gewinnbringender Faktor heraus. Mehrsprachig aufzuwachsen, wird dabei, unabhängig vom Prestige der Erst- und Zweitsprachen, nicht als Hürde, sondern als Privileg gesehen, das dazu dient, durch aufmerksamen Sprachgebrauch mit Literatur besser umgehen zu können. Mit der Übersetzung gehen eine differenzierte Betrachtung und ein nicht wertender Vergleich zweier Kulturen einher. Eco bezeichnet dies als mögliches korrelieren von Welten.[3] So kann der Deutschunterricht dem Vorwurf entgehen, den Kepser und Abraham zurecht anbringen: Deutschunterricht, der nur mit deutschsprachigen Originalwerken arbeitet, müsse sich den Stempel einer Nationalpädagogik gefallen lassen.[4]

Diesen Pranger umgeht man noch nicht wirklich, wenn man mit Übersetzungen von Rilkes der Pantherarbeitet. Der Schriftsteller bleibt ein Deutscher. Schriftsteller/innen und Dichter/innen verstünden sich aber laut Kepser und Abraham meist nicht als nationale Dichter.[5] Dennoch bietet das weltberühmte Gedicht der Panther einen guten Ausgangspunkt, um an das Thema Übersetzung heranzuführen, um von hieraus, nach einiger Übungszeit und Erfahrung, selbständig Interpretationshypothesen zu erstellen und übersetzte Literatur kritisch zu hinterfragen. Diese zwei Ziele müssen durch das Unterrichtsmaterial in Kapitel 3 erreicht werden. Auf einer zweiten Ebene geht es auch darum, sich eine eigene Interpretation zuzutrauen.

(Bitte blättern)


[1] Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH2 & Co. KG 2010.

[2] Vgl. Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten, S. 29–41.

[3] Vgl. Eco, Umberto: Quasi dasselbe mit anderen Worten, S. 43-44.

[4] Vgl. Kepser, Matthias / Abraham, Ulf: Literaturdidaktik Deutsch, S. 43.

[5] Vgl. Kepser, Matthias / Abraham, Ulf: Literaturdidaktik Deutsch, S. 43-44.

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