Darf Dialekt auch im Unterricht als Sprache Platz haben?

Wenn ich Österreich für etwas beneide, dann für seine Dialektlandschaft und die stolze Art und Weise, wie seine BürgerInnen ihre Dialekte ganz natürlich brauchen. Ich selbst spreche keinen Dialekt. Geboren in Süddeutschland, aufgewachsen quer durch den Kanton St.Gallen, weitere Lebensstationen in Zürich, Basel und Wien. Dieser Umstand hat es nie zugelassen, in meinem Sprechen einen richtigen Dialekt zu entwickle. Ich frage mich deshalb manchmal, welche Überraschungen das Leben für einen bereit hält, wenn man einen Dialekt spricht. 

Dialekte bringen als erstes den Vorteil mit sich, dass wir über Sprache und ihre Vielfalt nachdenken, wie jetzt gerade. Wir werden durch sie – akademisch ausgedrückt – «sprachsensibler». Gerade das spräche für den Gebrauch von Dialekten in der Schule. Oft ist über Sprache nachdenken leider mit einer besser-schlechter-Wertung verbunden. Das ist bei kurzem Hirneinschalten natürlich Humbug. Wie und warum sollte der Dialekt des Nachbarsdorf schlechter sein?

Es ist die (emotionale) Verbundenheit zur Heimat und zur eigenen Tradition, die Menschen dazu bewegt, die eigene Kultur als die bessere darzustellen. Sprache ist nun Kultur. Und die eigene Kultur ist in der viel getadelten digitalisierten Welt ein Anker. Sie steht für ein Gefühl von Sicherheit, Stabilität und Gemeinschaft, ist ein Berührungspunkt in die Vergangenheit hinein und bringt uns unsere eigene Geschichte näher. Dialekte sind meist bei jenen BürgerInnen ausgeprägter, deren Familien schon über Generationen in ein und demselben Dorf oder einer Region lebten. Ist nicht jeder gesunde Mensch stolz auf seine Familiengeschichte? Es ist das, was das eigene Erbgut schon geschaffen hat. 

Wohin zu pathetische Heimatverbundenheit und Lobpreisung der eigenen Kultur führen kann, hat die Menschheit vor und während des Zweiten Weltkriegs gelernt. Trotzdem sollte in der Schule Platz genug sein, um über die gesunde Seite einer massvollen Identitätsfindung in der eigenen Kultur nachzudenken. Dessen Wirkung wäre nämlich weltöffnend und nicht weltverschliessend. Statt: «Diä huerä Flumser mit iärem huerä Dialekt verstusch jo nid» klänge vom Stammtisch: «In dr Flumsi hani wider was spannendes vernu!»

Trotzdem darf nicht ignoriert werden, dass die Verwendung von Dialekten in der Schule, besonders im jungen Alter, bei der Sprachentwicklung zu Problemen führen könnte. Kinder schreiben zu Beginn wie sie sprechen. Kennen sie also erst wenig standardsprachliches Vokabular, werden regelmässig Dialektwörter in die Schriftsprache rutschen. In meinem persönlichen Umfeld habe ich schon Seminararbeiten korrigiert, in denen Studierende ganz offensichtlich den gesprochenen Dialekt nicht immer von der geschriebenen Hochsprache unterscheiden konnten. Bewusster Umgang mit Sprache bedeutet aber, Dialekt und Standardsprache voneinander trennen zu können.

Der massvolle Umgang, wäre wie so oft, der Schlüssel zum Erfolg. Mit der Verwendung von Standardsprache im Fach Sport, ist man in der Schweiz definitiv übers Ziel herausgeschossen. Dazu führte die bundesweite Vorgabe, in allen Fächern nur noch Hochdeutsch zu sprechen (ausser im Fremdsprachenunterricht). Egal wann und wo man sprechen muss: die Sprache sollte nie hemmend wirken. Deswegen ruft in einem impulsiven Moment im Schulsport hoffentlich kein Österreicher und kein Schweizer: «Wirf mir den Ball, Torben!» Jeder brüllt natürlich irgendetwas in seiner alltäglichen Sprechsprache. 

Trotzdem gibt es Fächer, die eine Fachsprache voraussetzen. Mehr noch: Kompetenzen, an welchen sich heutzutage der Schulunterricht orientiert, werden schlussendlich in jedem Fach – auch in Sachfächern – über Sprache abgefragt. Wer sich nicht gut ausdrücken kann, hinterlässt ein schlechtes Bild. Sprachsensibler Unterricht wäre deshalb wichtiger, als ein aufgezwungenes Einheitsdeutsch an Schulen, ein bewusster und vielfältiger Umgang mit Sprache, der einzige Schlüssel sowohl den Dialekten als auch der Standardsprache ihren  gerechtfertigten Platz in der Schule zu geben.

Link zum Beitragsbild: https://www.suedkurier.de/ueberregional/kultur/Du-bist-was-du-sprichst-Alemannisch-Quiz-zu-den-Dialekten-in-der-Region;art10399,9141436

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