Dreikönigstagswünsche an Österreich

Wie schade, dass der kulturelle Austausch zwischen Österreich und der Schweiz nicht reicher ist. Die beiden Länder könnten Wesentliches voneinander abschauen. Heute, am Dreikönigstag, gibt es in der Schweiz einen schönen Brauch, der es leider nie über die Grenze geschafft hat.

Am sechsten Januar essen Herr und Frau Schweizer zum Frühstück den Dreikönigskuchen, hergestellt aus einem süssen Hefeteig, angelegt mit einer grossen Teigkugel in der Mitte, kleinen Teigkugeln rundherum und geschmückt mit Mandelblättchen. Mit viel Phantasie schaut das Endprodukt aus, wie die Frisur eines altertümlichen Herren von oben. Darauf setzt man eine Krone – und fertig ist die einzige Art von Monarch, die es in der Eidgenossenschaft je gab. 

Im Brotteig versteckt sich heutzutage ein kleiner Plastikkönig. Wer in seinem Brotstück auf den König beisst, bleibt den ganzen Tag König. Wünsche stehen einem frei, sofern man die richtigen Untertanen um sich versammelt hat. Jetzt verstehe ich auch, warum der Brauch bei echten Monarchen kein Renner geworden ist. 

Aber heute müsste das doch dem Traum mancher Österreicher entsprechen. Okay – man ist zwar kein Kaiser, aber besser als ein einfacher Fussvolk-Indirekt-Demokrat zu sein, ist es doch allemal! Vielleicht aber, ist es ein Beweis dafür, dass jedes Volk einen starken Leader braucht. Den gibt und gab es in der Schweiz NIE. Die einzige kriegerische Strategie in der jüngeren Geschichte der Eidgenossen, war der «Rückzug in die Berge». Eventuell erfüllt man sich diese märchenhafte Herrschersehnsucht nun am 6.1. mit einem Brot, im Namen der Weisen aus dem Morgenland. In dem Fall wäre es interessant zu fragen, welche Machtgelüste in den helvetischen Köpfen an diesem Tag herumschwirren.

Ich kann nur von mir sprechen. Ich wünschte mir für die Schweiz eine lebendige Dialektlandschaft, wie diese unseres östlichen Nachbarn. Auch standard-österreichische Ausdrücke wie Powidl, Nockerl, Grammeln, Karfiol und Fisolen werden dort gepflegt. Russen esse ich wenn’s sein muss. Presswurst klingt schräg, ist aber zum Verzehr geeignet. Und beim Scherzel lach ich schon lange nicht mehr gekünstelt.

Aber trotzdem würde ich an einem Tag als Königin, die Verwaltungssprache Österreichs abschaffen. In einem Land, in dem man sich gegenseitig ständig «alles Gute» wünscht, würde man sich als Deutsch sprechende Ausländerin wünschen, wenigstens nicht jedes Mal den Österreichischen Deutsch Duden befragen zu müsste, wenn der Staat seinerseits Wünsche Kund tut. Dann ist Schluss mit «alles Gute!» Noch dazu kommt, dass der Fokus in Österreich selten darauf liegt, die Verwaltung einer Diät zu unterziehen und man deswegen ständig überall irgendwelche unverständlichen Formulare lesen und unterschreiben muss, um zum nächsten Formular zu gelangen. Ganz nahe am Passierschein A38 bewegt sich die Alpenrepublik! 

Lange habe ich den Amtshelfer hinter dem Tisch gesucht, bis ich verstanden habe, dass ich nicht in einen Menschen hineinschauen soll, sondern in eine Broschüre. Der Klub ist keine Tanzbar, sondern eine Fraktion. Wenn der Landesrat sich im Landhaus trifft, ist das kein zweites Ibiza-Desaster, sondern der normale Arbeitsplatz aller Mitglieder einer Regierung. Östlich des Hinterrheins freut man sich über eine Abfertigung, westlich davon würde man Schlimmeres befürchten. Listenweise Vokabeln müsste man durchforsten, um als Deutsch sprachiger Ausländer den österreichischen Verwaltungsapparat zu durchblicken.
Daran unterscheidet man auch Vorarlberger von Schweizern. Erstere kennen sich aus, soweit man sich auskennen kann, letztere nicht.

Aber wenn wir über Vorarlberg sprechen, noch folgender Dreikönigsgedanke. Ich persönlich würde sagen: das war 1919 alles ein grosses Missverständnis! Unsere alemannischen Freunde gehören, wie Corona zeigt, weit mehr zur Schweiz, als die Bünzli damals dachten. Sogar Kurz hält die Grenzen in seinem zweiten Lockdown offen, obwohl die schweizer Strategie, die Pandemie mit Ignoranz zu bekämpfen, bestimmt nicht seinem Gusto entspricht. So eng ist unsere Freundschaft oder zumindest unsere wirtschaftliche Zweckverbundenheit! Und wäre da nicht der Wilde Westen gewesen, hätte die ehemalige Monarchie zu Beginn der zweiten Welle, kaum Coronafälle verzeichnet. Schweizer hätten die etwas höheren Fallzahlen «zur Kenntnis genommen», wie man auch das mutierte Virus «zur Kenntnis genommen» hat.

So ist es nun mal, wie es ist. Jeder König kocht sein eigenes Süppchen und seine eigenen Begriffe. Er bäckt seine eigenen Vorschriften und seinen eigenen Kuchen. Die Schweiz bäckt Dreikönigskuchen. Trotzdem arbeiten Österreich und die Schweiz weiterhin an ihrer engen Fernbeziehung. 

Hier geht’s für das Fussvolk zum Rezept: https://www.bettybossi.ch/de/Rezept/ShowRezept/BB_WEGE071101_0064B-80-de

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