Was die Poststelle Gersthof und George Floyd gemeinsam haben

Währing ist wirklich ein wunderschöner Bezirk. Die Volksoper, der Türkenschanzplatz und als Krönung der Pötzleinsdorfer Schlosspark. Gersthof ist, wie ich das in meinen Tagebuchbeinträgen schon mehrmals erwähnt habe, das beste an Währing. Man befindet sich fast schon in einem ländlichen Leben im Wienerwald. Wenn man sich bei einem Spaziergang über den Weg läuft wünscht man sich einen guten Tag. Gersthof ist auch die Heimat vieler Menschen, die in grossen Häusern leben und grosse – aber auch kleine – teure Autos fahren. Abgesehen davon, dass Gersthof zwischen zwei Hügeln liegt, bietet der Stadtteil das Optimum für ausgedehnte Spaziergänge und Sportarten an der frischen Luft. Dafür nimmt man die längere Fahrzeit in die Innenstadt und das Problem – jeder Gersthofer kennt es, dass die Strassenbahn ihre Spur mit den Autos teilt, wodurch sie sich ständig verspätet, gerne in Kauf.

Weniger optimal ist Gersthof um fortzugehen. Ich kenne zwei Pizzerias, einen Österreicher, einen Asiaten, einen Ungaren ein Restaurant der Rubrik «Anderes», ein ökologisch wirkendes Kaffee – und dann war da auch bis vor einem Jahr ein Schweizer, der inzwischen in Pension ging. Dieses Angebot genügt uns Gersthofern aber komplett.

Anders schaut das beim Thema der Unterhaltungsindustrie aus. Wer vor Ort entertaint werden möchte, muss in Gersthof Alternativen zu Pubs, Diskotheken, Kinos, Konzertsälen und Theatern suchen. Meine krisensichere Empfehlung lautet: Die Österreichische Post! Geöffnet auch zu Coronazeiten. Dann laufen sogar alle Akteure in Höchstform auf!

Generell feiere ich die österreichische Post für ihre klaren Linie. Wenn es mal wieder heisst, das Paket wird zwischen sechs und acht Uhr morgens geliefert, klingelt es bei mir spätestens um 6.10 Uhr – quasi mitten in der Nacht. Der gersthofer Postbote hat ein Glasauge. Und das kommt ihm beim Anblick meiner um diese Uhrzeit endlich mal zugute. Er selbst ist meist in bester Paketbringerlaune unterwegs, während ich irgendetwas, das meinen Initialen gleichen möchte, mit fast geschlossenen Augen auf sein, um 6.10 Uhr noch corona-freies Bestätigungsgerät kritzle. Auch zu Coronazeiten ist absoluter Verlass auf den Paketüberbringer. Er klingelt sogar direkt an meiner persönlichen Haustür und nicht mehr an der Haupttür an der Strasse. Ich weiss nicht ganz worauf er hofft. Aber hiermit soll er wissen, dass bei mir zwischen 6.00 Uhr und 6.30 Uhr absolut nichts zu holen ist – auch wenn er mein absoluter Liebling der österreichischen Post ist.

Nun sind wir hier aber immernoch im Coronatagebuch unterwegs, auch wenn wir uns wegen des brutalen Mordes an George Floyd seit einigen Wochen in der westlichen Welt mit ganz anderen Todesursachen auseinandersetzen. Derart weit weg ist diese Tötung auf den zweiten Blick nicht, von dem, was man so in einer weissen Wunderwelt der Postfiliale Gersthof erlebt. Dort wird immer wieder in der erhabendsten Theatralik gezeigt, wie Menschen aus Angst zur Unhöflichkeit bis hin zum Hass getrieben, reagieren, wenn z.B. jemand husten muss oder der Abstand zu nächsten Person kurz 95cm statt 100cm beträgt. Das nur, weil sie sich von der Panikmache eines, um seinen Job bangenden Bundeskanzlers, verunsichern lassen haben. Hass, sei er gegen Schwarze, gegen Männer oder Frauen oder gegen alle potentiellen Covid-Träger, Hass entsteht immer aus Angst.

Die Ängstlichen und zugleich Agressiven sind Menschen, die es nicht schaffen mit ihren Emotionen rational umzugehen. Bei dem Herren, mit dem ich die Luft der Postfiliale teilen durfte, hätte man denken können, die Menschheit sterbe gerade aus. Ein in der Psychologie anerkannter Weg wäre, danach zu fragen, wie wahrscheinlich es ist, bei achtmillionen Einwohnern Österreichs einem der maximal 1500 Coronainfizierten in einer Postfiliale mit fünf Anwesenden zu begegnen. Wahrscheinlich so gross, wie die Chance im Lotto zu gewinnen. Das soll nicht heissen, dass Abstandhalten unnötig war und ist. Aber daran muss erkennbar sein, dass Panik und Agression komplett vernunftswidrig sind.

Sei es das unsichtbare Virus, das Hass und Verschwörungen gegen andere Ethnien auslöst, sei es ein unsichtbares Virus namens Covid-19. Immer wieder zeigen wir Menschen, dass wie uns selbst am nächsten sind. Vielleicht klingt es übertrieben zu sagen, dass alle irrationalen, emotionalen Egoisten, die Packungen von Nudeln hortend durch die Einkaufsmärkte hyperventilierten, bei «drohender Gefahr» so weit wie die Polizisten von Minneapolis gehen würden. Logisch ist aber, dass sowohl für die Hamsterkäufer, wie auch für die Polizisten ihr Leben mehr wert war, als das der Fremden. So witzig ich Klopapierhamsterer finde: Für sie zählen Solidarität und Nächstenliebe im Ernstfall nichts! In ihrem eingeschränkten Weltbild versperren sie sich den Blick dafür, dass wir immer und zu jeder Zeit – wenn auch nicht für den tragischen Einzelfall und zu 100 Prozent, so doch im Grossen und Ganzen – zusammen stärker sein werden, als alleine. Das ist die hoffnungsvolle Antwort, die uns die soziale Marktwirschaft, die momentan alle gemeinsam zu retten versuchen, vor Augen führt.

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