Tagebuch: Woche 4

Die katholische Familie

Was passiert, wenn man Katholiken sagt: «an diesem einen Freitag im Jahr, darfst du kein Fleisch essen»?  Der Katholik des 21. Jahrhunderts rebelliert leise: «Gut – dann esse ich eben Fisch. Denn Fisch ist ja molekular betrachtet kein Fleisch.» Dieser etwas schnippische heilige Geist, war um Corona-Ostern spürbarer als je zuvor.

Meine Eltern vertreten den Standpunkt der katholischen Kirche, dass der Verzicht in der Fastenzeit nicht zur Selbstoptimierung genutzt werden soll, sondern um den Verzicht zu spüren, das Leid zu imitieren. Vierzig Tage Wüste!

Offiziell verzichten sie daher auf Schokolade, um zu verzichten – inoffiziell, um abzunehmen.  Aber das bleibt bitte unter uns. Da ich mir den Energieverlust von Toffifee und Zucker marktwirtschaftlich betrachtet nicht leisten kann, beschloss ich schon vor einigen Jahren nie wieder zu fasten, und so den Verzicht auf den Verzicht zu spüren. An dieser Stelle möchte ich mich vollkommen öffnen: Man ersetze «den Energieverlust von Toffifee und Zucker» mit Beliebigem und schon ist man auf dem effizientesten Weg in Richtung Fettsucht, Workaholic, Alkoholismus, Sportsucht, Faulheit, et cetera. 

Aber dieses Jahr war bekanntermassen alles ganz anders. Ich persönlich habe die Eins-zu-Eins-Umsetzung der vierzig Tage in der Wüste vorgeschlagen, nachdem ich von einem Virologen vernommen hatte, dass das Coronavirus aussterben würde, wenn wir uns alle gemeinsam und doch allein zwei Wochen in die Wüste stellten. Aber das kommt der katholischen Kirche nicht in die Tüte. Das wäre ja Selbstoptimierung.

Die Kirchen dieser Welt machen einem das Leben nicht unbedingt einfacher. Die Zeit, wo sie Wegweiser und Gesetzgeber, moralische Menschenformer und Sinnbildner waren, sind vorbei. Die Kirche ist zu einer Gegenwelt geworden, zu einer Bewahrerin. Sie ist alles, was unsere reale, von Wirtschaftsfaktoren getriebene Welt nicht ist. Sie ist moralisch, sie unterscheidet stark zwischen Mann und Frau und etwas dazwischen oder daneben gibt es nicht. Sie stützt sich auf Texte und Thesen ohne Fakten, versucht dennoch Richtiges und Falsches zu trennen. Das sind die Weltkirchen.

Dann gibt es da aber noch die Kirche in unseren Dörfern. Sie ist real, sie unterscheidet sich, von Ort zu Ort, sie lebt, wenn auch gebrechlich, in einer Zeit, wo Fakten zählen, wo Zahlen regieren und Moral etwas nützen muss. Sie muss mindestens Frauen ernst nehmen und kann sich vor alternativen Lebensbildern kaum mehr verstecken, ohne sich selbst daran zugrunde zu richten. Die katholische Kirche lässt ihren Gläubigen Freiheit in der Auslegung der Texte. Freikirchen sind hingegen eher das Gegenteil von frei. Jedenfalls behaupte ich das. Meine jüngere Schwester ist da anderer Meinung.  Das alles wurde nämlich bei uns um Ostern rauf und runter diskutiert, bis es niemand mehr hören konnte. 

Online-Gottesdienst zu Karfreitag und Ostern: Ja oder nein? Diese Frage löste bei einer trotzigen weisstanner Karfreitagsforelle diese fundamentalen Diskussionen aus. Bei solchen Konfrontationen nehmen alle Familienmitglieder radikale Positionen ein, die sie sonst nicht vertreten würden. Familiendiskussionen sind bei uns das, was für Wildjäger der Schiessplatz ist. Hier kann man neue Munition testen, einfach mal schauen, wie weit man gehen kann, bevor der Auslöser seine unumkehrbare Wirksamkeit freisetzt. In meiner Familie sitzen nicht meine besten Freunde. Nein! Ich bemitleide meine FreundInnen, die ihre Mütter oder Schwestern als ihre besten Freundinnen bezeichnen. Meine Mutter ist meine Mutter. Meine Schwester ist meine Schwester, an der ich mich im Prügeln geübt habe, solange bis wir mit dieser Art von Kommunikation nicht mehr gesellschaftsfähig gewesen wären. Trotzdem haben wir noch saublöde Marotten, die man niemals bei besten FreundInnen ausleben würde.

Zu Karfreitag hat die katholische Familie also Fisch gegessen. Aber was passiert, wenn man ihr sagt, dass sie Ostern lieber nicht als Familie feiern soll? Natürlich: man veranstaltet ein Familienfest! Solidarischerweise verzichtet man auf Verdauungsspaziergänge. Schliesslich wurde in der Schweiz nie eine Ausgangssperre verhängt. Sonst wäre vermutlich die gesamte katholische Familie zu Joggern mutiert.

Allmählich gingen auch allen die Adjektive zur Beschreibung der Pandemie aus. Es war absehbar, dass sie uns (vorerst) weit weniger gravierend treffen würde, als andere Teile Europas. Einige behaupten, weil wir besser sind, andere, weil wir Glück hatten. 

Und so ist die ganze katholische Familie ein bisschen für das Fest und bisschen dagegen.  Alle sagen, «ja wenn ihr alle hingeht…» Alle fühlen sich jung und gesund. Alles war fast wie immer – ausser diesem flauen Gefühl, das einen ab und zu einholte.  Zur Not gäb’s ja noch die Beichte.

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