Tagebuch: Woche 3

9. April

Reisetag.

5.30 Uhr: Ich stehe auf und lege gewaschene Wäsche zusammen, sammle den Müll ein und bringe ihn heraus, die Spülmaschiene wird ausgeräumt, packe mir etwas Proviant ein, frühstücke und gehe nochmals durch, ob ich so gepackt habe, dass ich bis ende April ohne Entzugserscheinungen in der Schweiz bleiben könnte.

6.15 Uhr: Klein Zweifel, ob es nicht besser wäre, dort zu bleiben, wo ich die letzten Jahre mein Hab und Gut gehortet habe.

6:30 Uhr: Ich gehe früh los, obwohl der Weg zum Bahnhof Meidling nur 30 Minuten dauert. Ich weiss nicht, wie häufig Bim und U-Bahn am Westend von Rich-Bitch-Wien fahren, wo fast jeder Bewohner auch problemlos auf drei Statussymbol-Pferde in der Garage umsteigen könnte.

«Lieber etwas mehr Zeit einplanen.» Wer hätte gedacht, dass ich, als chronische Zuspätkommerin, in meinem Leben mal noch diesen Satz denken werde?! Ein Hoch auf Corona!

Auf der Strasse vor meiner Haustüre ziehe ich den fetten Hartschalenkoffer über Pflastersteine. Eine Frau, die mit ihrem Hund auf der gegenüberliegenden Strassenseite Gassi geht, wirft mir einen entgleisten Blick zu. Da fällt mir erst wieder ein, dass ich mit meinem Trolley unterwegs bin. Egal. Wer kann, der kann! …solange mich niemand aufhält…

6.34 Uhr: Ich steige in die 41er Geisterbahn ein, die sich auf dem Weg zur Volksoper nur mit wenigen Menschen füllt, deren Kleidung zeigt, dass sie zweifelsohne im Lebensmittelverkauf oder auf dem Bau arbeiten. Aus meinem Nasen-Mundschutz würde ich vor Scham am liebsten einen Augen-Nasen-Mundschutz machen. Um den Blicken zu entgehen, schaue ich aus dem Fenster oder auf die leeren Sessel vor mir.

6:47 Uhr: Die Bim fährt in der Station Volksoper ein. Ich habe weniger als keinen Stress und möchte trotzdem unbedingt, die nächste und nicht die übernächste U-Bahn erwischen. Das ist in «normalen» Zeiten immer mein Fitnessprogramm. Ich schleppe dann jeweils, trotz innerem Wettrennen, den Koffer über die Treppe, obwohl nebenan ein Lift fahren würde. Aber es geht hier nicht nur ums schnell sein, sondern auch um den Sport, ums Ego! (Kleine Bemerkung am Rande für alle Liftbenutzer: ich bin meistens – trotz Koffer – schneller als ihr.) Aus Respekt vor der Situation jogge ich heute nicht bei blinkend grüner Ampel über den Fussgängerstreifen, sondern gehe schnellen Schrittes. Das, obwohl der schmale Weg von der Bim- zur U-Bahnstation endlich mal nicht von Menschenmassen verstopft wäre. (Das ist der Kick an der Sache; höflich und trotzdem super schnell zur nächsten U-Bahn zu gelangen.)

2 Minute bis zur nächsten U-Bahn, strahlt die Anzeige in den schönen Frühlingstag. Ich stehe in den morgentlichen Sonnenstrahlen, wo ich gleich darauf in das Ende der U6 einsteige. Hier sind mehr Menschen, als in der Bim. Trotz Corona stinkt einer, wie wenn er sich schon seit Ausbruch des Virus in Wuhan nicht mehr geduscht hat. Wie wär’s mit einem Dusch-Erlass?

7:06 Uhr: Ankunft in Meidling.

Ich komme die Rolltreppe hinauf und biege nach rechts ab. Dort, wo sonst um diese Zeit Heerscharen ihr Frühstück besorgen, steht jetzt ein Polizist und schaut in die Leere. Ich nehme ihn nur aus dem linken Augenwinkel wahr und beschliesse, dass es am sichersten ist, wenn das auch so bleibt. Ab auf Gleis 5!

Kaum Menschen. Ein herrlich ruhiger Frühlingsmorgen am Bahnhof Meidling. Ich verschicke einige Fotos über WhatsApp, so schön scheint mir diese Surrealität. Man möchte sie festhalten. Ich bin mir beim sonnen und geniessen bewusst, wenn alle so handeln würden wie ich gerade, wäre die Corona-Situation weit weniger romantisch. Aber gerade bin ich froh, dass ich wohl die einzige bin, die so bekloppt egoistisch ist.

7:37 Uhr: RJX 160 nach Feldkirch fährt ein. Zusammen mit zwei Anderen steige ich in den vordersten Wagen. Vier Personen sind schon da. Ab St.Pölten bin ich während der ganzen Reise so gut wie alleine. Ich ziehe die Schutzmaske aus und arbeite etwas am iPad,

12.36 Uhr: Hauptsache der Schaffner kommt und hat keine Zeit die 30 Sekunden zu warten, bis ich das Ticket aus meinem Rucksack gezogen habe. 10 Minuten später taucht er wieder auf. Kein Wort, nur Blicke.

13.09 Uhr: «Es geht alles nach Plan. Lg Anna»

13.17 Uhr: P. Ruft an. Ich blicke mit einem Beinahe-Herzinfarkt auf’s Display. Klappt etwas nicht?

P.: «Hallo Anna, ich bin schon losgefahren. Wo im Zug bist du?»

Ich: «Ganz vorne. Aber ich kann einfach in die Wartehalle kommen.»

P.: «Nein, nein. Dann komme ich ganz nach vorne. Wir treffen uns auf dem Gleis»

Anna.: « — okay… muss aber nicht sein.»

P.: «Ist kein Problem. Am Bahnhof wird umgebaut. So finden wir uns einfacher.»

Anna: «Gut. Danke. Dann bis gleich.»

P.: «Bis gleich. Ciao!»

13:42 Uhr: Treffen am Gleis, Fahrt zur Grenze Schaanwald (Österreich – Liechtenstein), dabei nettes Gespräch.

Liechtenstein ist das einzige Land, das von Österreich-Ungarn unbemerkt an die Helvetier gefallen ist. Gleichzeitig ist es die einzige, gegenseitig abgestimmte, Annektion der Schweiz! Vorarlberg wollten die Helveten ja nicht. Die liechtensteinische Grenze wird in einem Ernstfall, wie einer Pandemie, vom schweizer Grenzwachkorps geschützt. Pech für Lichtenstein. Da dürfen einfach mal Achtmillionen in der Schweiz lebende Personen Corona in ihrem Land verstreuen.

13.54 Uhr: Grenze. Mein Ausweis genügt nicht. Der knurrende schweizer Zöllner wittert 100 Franken Busse. Aber leider bin ich nicht erst heute nach Österreich eingereist. Aus seiner Entäuschung heraus fragt er gleich nochmals das selbe, nur etwas anders formuliert. Er möchte meinen Studentenausweis sehen. Mir fällt ein, dass ich ihn zu Beginn des Semsters gar nicht mehr abgestempelt hatte. Waren ja nur acht Tage Zeit dazu, bis die Unis schlossen. Der Puls steigt – aber er ist noch bis 20.4. gültig. Könnte mit dem Heimfahren dann knapp werden…

Wie von meiner Pseudohöflichkeit fast nur noch Murren übrig war, durften wir fahren, da ich glaubhaft machen konnte, dass das mein Vater ist, der da 80 Meter enfernt steht und auf mich wartet. Ich bin nicht stolz darauf, über diese Anweisungsbefolger schimpfen zu müssen. Aber sie zwingen einen dazu: So ein Beamter!

14.00 Uhr: P. bedankt sich, dass er mich abholen durfte und wünscht mit einer Packung Lindt-Pralinen frohe Ostern. Zum Glück hab ich noch Celebrations gekauft, dich ich ihm zurückschenken kann!

14.11 Uhr: Fahrt über den Rhein. Schweizer Boden! Internationale Corona-Lageabklärung mit meinem Vater.

14.27 Uhr: Meine Mutter steht im Gemüsebeet und bereitet die Erde auf bessere Zeiten vor. Sie gehört zu einer Risikogruppe. Trotzdem drückt und küsst sie mich zur Begrüssung. Zuhause!

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corina sagt:

    Liebe Anna, es fühlt sich seltsam an deinen Beitrag zu lesen🤔 Er ist schön und unterhaltsam geschrieben.👍 Aber jemandem der seit bald 2 Monaten weder seine Familie, noch Freunde & Bekannte persönlich getroffen hat, obwohl diese nur ein paar wenige Kilometer entfernt leben , fällt es schwer diese Story in dieser einsamen Zeit toll zu finden. Jeder soll machen was er für sich als stimmig und passend empfindet. Und ich bin auch nicht die Art von Mensch die einen moralinsauren Kommentar abgeben wollen. Dennoch muss ich sagen , ein kleiner schmerzender Stich in Mir hat diesen Text beim lesen schon begleitet. 😕Wünsch Dir alles Gute.

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    1. Liebe Corina, ja, das kann ich verstehen. Bei mir ist es so, dass ich zufällig das Glück hatte Reisen zu können, ohne in Quarantäne zu müssen und ich das auch absolut in Kauf nehmen konnte, ohne meine Eltern zu gefährden, da mein Vater als Arzt und meine Mutter als Arzthelferin so oder so täglich seine PatientInnen hatte. Aber ich hoffe, dass sich bei dir inzwischen alles wieder am normalisieren ist. Alles Gute!

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