Tagebuch: Woche 2

«Man sollte sich nicht darauf konzentrieren. Denn soblad man daran denkt, schießen einem die Tränen in die Augen.» Dann funktioniere man nicht mehr. Sentimentalität sei nicht angebracht in einer Situation, wie der Coronakrise, sagte Generalmajor Rizzo – zu meinem Empören.

Ich habe ihn auf meiner täglichen Joggingrunde kennengelernt. Er stand an einer Gabelung, wo die Polizei immer Wache hält. Schon lange war es mir ein Rätsel warum genau hier, in einem abgelegenen, leicht romantisch anmutenden Viertel im 18. Wiener Bezirk, die Polizei Dauerpräsenz leistet, wo vier sehr kleine Strassen zusammenlaufen, und die Gehsteige, die sich seit der Innenstadt den Strassen entlangziehen, ihr Ende finden.

Jedesmal auf meinen Joggingrunden muss ich hier die Strasse überqueren und tue das eine Spur zu früh, um das betreten der Strasse als blosse Strassenüberquerung zu sehen. Aber da 99,9 Prozent der Autos hier nur parken und 99,99 Prozent der PolizistInnen auf ihr Handy schauen, sehe ich normalerweise nichts, was dagegen spräche einige Meter auf der Strasse zu laufen. Ich habe immerhin die Matura gemacht. Und wer die Matura hat, aber zufuss bei komplett leeren Strassen so tut, als wären da ein enormer Verkehr, dem sollte die Matura enzogen werden, findet eine meiner Freundinnen.

Der Polizist, der aber an diesem Tag dastand, fasste mich schon lange ins Auge und ich war alarmiert: schön die Verkehrsregeln einhalten! Ich blieb auf dem Gehsteig, wo das Problem schon auf mich zusteuerte. Eine Familie mit zwei Kindern auf Fahrrädern! In Tagen wie diesen, eine grosse Gefahr für die Gesundheit und vor allem ein grosses Hindernis. Ich fasste den Entschluss, wohl doch besser auf dem Gehsteig zu bleiben und quasi auf dessen Kante balancierend im maximalen dieses minimalsten Mindestabstands an der kleinen Familie vorbei zu joggen, bis zur Kurve, wo ich endgültig auf eine der drei Strassen wechseln musste. Alles so perfekt gemacht und trotzdem rief mir Generalmajor Rizzo zu, ob ich die Regeln nicht kenne! Abstand halten, solle ich gefälligst! So dramatisch musste die Lage also schon sein. So surreal war sie jedenfalls.

Ich war aber gerade der Meinung, dass dieser Beamte mir gar nichts zu melden und erst recht nicht mit seiner schlechten Laune mein Gassigehen kaputt zu machen hatte. Daher rief ich ihm zu: «Ich bin Schweizerin!» Der Uniformierte verzog schüttelnd das Gesicht und fragte, was das mit Abstandhalten zu tun habe. Ich hielt nun ganz an und ging, aufgrund seiner Ruhestörung, beinahe zornig auf ihn zu. Nachdem die Regierung tagelang ihre langweilig, humorlosen Reden mit «liebe Österreicherinnen und Österreicher» eröffenete, zog ich trotzend daraus, dass die gefassten Massnahmen nur für Menschen mit österreichischem Pass gelten konnten. Ich sah mich weiterhin als freien Menschen in diesem Lande, der sich aus reiner Solidarität und guter Erziehung an die, den «lieben Östereicherinnen und Österreichern» auferlegten Massnahmen, hielt. Dieser Stolz in mir war so, wie ich mir den inneren Triumpf eines „Torbens“ vorstelle, wenn er an der Fleischtheke vorbeischreitet. Und so stand ich also voller Selbstbewusstsein vor dem Uniform-Beamten.

Er trug die Haare akkurat nach hinten gekämmt, die Zähne glänzten in der Frühlingssonne titanweiss. Rozzi ist Generalmajor, Absolvent der Royal Military Academy in Sandhurst in Grossbritannien, Master in Rechtswissenschaften und seit bald 20 Jahren bei der österreichischen Bundespolizei. So unschön die Krise sein mag: Man gönnt ihm irgendwie, dass endlich etwas passiert, wofür sich seine Ausbildung gelohnt hat.

Seine Antwort liess mich genau so stutzen, wie er vorher stutzte, als ich ihm offenbarte, dass die Regeln für mich nicht gelten. Es fehlte ihm aber offensichtlich die Zeit, Wörter auszuformulieren und er sprach mit Abkürzungen, so, dass ich nach dem dritten Satz verloren in die treuen, braunen Augen blickte und mich fragte, was er mit der gewonnen Zeit heute noch anfangen möge. Er erklärt mir, dass ihm das auch schon aufgefallen sei, dass der Bundeskanzler nur ÖsterreicherInnen anspricht. Er arbeite mit dem Herrn Innenminister daran, das zu ändern. «Wo bleibt der eigentlich» fragte er und zeigte mit dem Schwung eines Salutierens auf ein Haus hinter ihm. Allerdings erklärte er mir das alles in der Abfolge eines APs (Aktionsplans): Problemerfassung, Beurteilung der Lage, Entschlussfassung, Planentwicklung, Befehlsgebung. Ich hätte daher weiterzujoggen gehabt, wenn ich nicht wie angeklebt stehengeblieben wäre. Der Zorn war verflogen. Meine Augen sprachen einmal mehr in meinem Leben zu viel und gaben meine Faszination gemischt mit Amüsement und Sympathie preis. Es war also Zeit danach zu fragen, was diese Sticker an seiner Jacke zu bedeuten haben.

Die stetige Überforderung beiderseits, liess uns vergessen, weshalb wir uns an dieser Kreuzung, wo die Gehsteige Wiens endeten, trafen und unsere gegenseitige Faszination, unser Amüsement und die Sympathie stiegen, wie die Strasse, die ich nach einem viertelstündigen Gespräch weiterjoggte. In den Tagen darauf erfuhr ich, was der Herr Generalmajor mit der, durch Abkürzungen gewonnen Zeit am Ende des Tages anfing und es hätte eine Corona-Tagebuchgeschichte werden können, wie keine andere. Ein Happyend für Walt Disney.

Nun ist der Herr Generalmajor aber sehr beschäftigt. Schliesslich muss er nicht nur das Land retten, sondern auch die Leute einzeln darum bitten, Abstand zu halten. Und wenn sie Abstand halten und hilflos auf der Strasse stehen, weil grad sonst überall Leute mit Schutzmasken rumspazieren, muss er die Leute auch ermahnen, nicht so auf der Strasse rumzustehen. Der Generalmajor will mich deshalb erst nach der Coronazeit wieder sehen. Ich befürchte, dass er sich deshalb sehr dafür einsetzen wird, dass uns die Quarantäne noch etwas erhalten bleibt. Aber immerhin spricht der Herr Innenminister nun auch «die lieben, in Österreich wohnhaften Personen» an.

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