Tagebuch: Woche 1

Wie absichtlich tänzeln ruhig und zärtlich kleine weisse Schneeflocken an meinen grossen Fensterscheiben vorbei in den Garten. Kaum angekommen sind sie schon wieder verschwunden, hinterlassen keine Spuren, nur das Gefühl, dass sie da waren – und ihre Nachkommen. 

Der warme Kokon meines Zuhauses lässt mich vergessen, welche unsichtbare Gefahr draussen lauert und in welcher Schieflage sich die Welt gerde befindet. Es geht mir gut. Sogar besser als sonst in letzter Zeit. Meine! Welt ist schief gestanden. Ich war erschöpft, jeden Abend von Kopfschmerzen bedrückt zu nichts mehr fähig, obwohl motiviert. Momentan gehe ich schlafen, in einem Zustand, in dem ich sonst nur an guten Tagen aufstehe. Plötzlich diese echte Freiheit! Die Zeit sich selbst einteilen können. Früh aufstehen und am frühenen Nachmittag alles erledigt haben. Frei sein, für das, was einem am Herzen liegt. Die Energie durch körperliche Betätigung rauslassen, am besten an der frischen Luft. Das bin ich.

Die Schneeflocken schneit es jetzt, vom Wind erfasst, schier horizontal zur grünen Wiese aus der gräulichen Wolkendecke. Bevor sie zu Boden taumeln, schlagen sie Loopings, wollen sich wehren, als ob sie lieber noch etwas weiterflögen. Zum Beispiel in den nächsten Garten. Der wäre nämlich wesentlich schöner. (So ehrlich muss man sein.) Aber Schneeflocken stehen im Passiv und müssen sich meistens mit transitiven Verben zufriedengeben.

Die soziale Marktwirtschaft versucht der Bevölkerung einen künstlichen Kokon zu sein, ein Zuhause, in dem wir uns benehmen können, wie wir es für richtig halten. Wir leben auf dieser Welt. Wir wollen in ihr etwas erreichen. Wir wollen aktiv sein und durch unsere Aktivität etwas werden. Immer. Immer weiter. Und am besten: immer über den Ist-Zustand jammern, aber nie, nie, nie etwas ändern.
Eigentlich leben wir auch MIT dieser Welt. Das vergessen wir bloss oft. Denn sie sagt ja nie direkt etwas zu uns. Und ich habe, ausser in der Quarantäne, keine Zeit mit den Schneeflocken zu sprechen… nicht mal mit Bienen oder Regenwürmern in meinem Garten. Bienen sehe ich sowieso kaum.
Da gibt’s natürlich die, die jetzt sagen, dass sie die Welt noch nie vergessen haben und dass via Covid-19 eine höhere Macht mit uns kommuniziert: «Entweder du bleibst daheim und passt auf das, was ich geschaffen habe auf – oder dein Opi wird sterben!» Sollten diese Menschen bei Ihnen klingeln, nützen Sie die Hebelwirkung der Türscharniere aus und lachen Sie nach dem „Wumps“, mit dem die Tür ins Schloss fällt, laut.
Häufiger sind aber in Wien jene anzutreffen, die ich «Torben» nenne. Sie essen statt der fröhlichen Bio-Kuh vom oberösterreichischen Landwirt, diesem Mörder, lieber nordostchinesischen Tofu und bestellen bei Starbucks ihren Vanille-Kurkuma-Latte-Macchiato mit laktose- und glutenfreier Hafermilch. Ihre Aktivität auf dieser Welt besteht daraus, den 26-wöchigen Kurs «Meditatives Öffnen des Reiki-Kanals» an der Volkshochschule zu belegen. Mit ihnen habe ich nur gemeinsam, dass wir in der Quarantäne über all den Blödsinn, den wir schon so angestellt haben, nachdenken können.

So luftig dünn, wie die Schneeflocken jetzt sind, muss den Wolken das Wasser ausgegangen sein. Unterernährte Schneeflocken, ein Winter ohne Schnee, sind die Nebenerscheinungen einer überhitzten Welt. Aber sie tanzen schön. Sie fliegen graziös und anmutig, kreuz und quer durch die Luft.

Wie diese erbärmlichen Ballerinas. Unterernährte und zu sportliche Frauen sind die Nebenerscheinung einer zu reichen Welt. Die zu reiche etepetete Gesellschaft ist verantwortlich für eine überhitze Welt. Die Reichen sind in Österreich eh an allem schuld. Nicht der oberösterreichische Viehbauer und seine Rinder, denen Torben gerne die Schuld in die Schuhe schiebt. Ich möchte gar nicht wissen, in wie vielen Raucherlungen 2008 geretteten herum-Jet-Bankern das Coronavirus auf transkontinentale Reise ging. Jetzt kommen sie drauf, dass es eine Erfindung namens Internet gibt, dank der man auch etwas besprechen und dabei noch über 1000 Euro und 3856 Kg Co2-Emissionen (München – New York) sparen kann. Ich habe den Verdacht auch immer vor Semesterprüfungen: Wir beginnen alle erst zu lernen, wenns nicht mehr anders geht!
Aber zurück zu den Ballerinas oder gerne auch zu den übermotivierten Joggern. Sport ist gesund und wichtig. Gleich werde ich auch wieder loslegen. Nach der Quarantäne wird man mich vom Kinn abwärts nicht wiedererkennen! Wenn Sie also ein braunhaarig durchtrainiertes, langbeiniges Wesen an sich vorbeispurten sehen, dann bin ich das…nicht! Ich bin die verschwitzte mit dem zerzausten Dutt auf dem Kopf, die ihren inneren Schweinehund mit heraushängender Zunge Gassi führt. Ich bin die, die darauf setzt, dass dank der Erfahrung von leeren Supermarktregale, ein paar Speckröllchen bald voll im Trend sind. Die langen, angeblich durchtrainierten Beine, sind mir angeboren. Und denken Sie nicht, dass ich sie nicht zur Schau stelle, nur weil mir Oberflächlichkeit zuwider ist. Ich bin mit den Regeln dieser Welt durchaus vertraut.

Der Schneefall hat abgenommen. Wie alleingelassene Sterne fallen die letzten Flocken ins hohe Gras und werden dort an den nahenden Sommer erinnert.

Solang ich weiss, dass ich meine engsten Mitmenschen wieder sehen werde, solange ich mit ihnen sprechen kann, macht mir der Verzicht aufgrund des Virus nichts aus. Die Einsamkeit in Kombination mit Kunst habe ich schon als Kind dem Gemeinsamsein mit Freunden vorgezogen. Ich lade trotzdem gerne Freunde ein, ich liebe die alltäglichen Begegnungen. Wenn in meiner Küche ein Hallo und Chaos herrscht, bin ich in meinem Element.

„Wenn ich alleine bin, bin ich auch in meinem Element“, sagt die Schneeflocke.

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