Orlando. Der Psychofilm unter den Opern.

Nachschau von Anna Warzinek

Endlich! Zum ersten Mal seit bestehen der Wiener Staatsoper wird ein abendumfassendes Werk einer Komponistin! aufgeführt. Spät genug. Wo es bis anhin genau gehakt hat, dass die Wahl immer auf Männer viel, ist schwierig auszumachen. Es könnten die Vernetzungen in der Szene sein aber auch der einfache Grund, dass bis zum heutigen Tag vermutlich über zwei Drittel der Kompositionsstudierenden Männer sind. Nun hat sich der Aufwand aber gelohnt. Die Staatsoper wurde aufgrund der nicht gekauften Rechte verklagt. Ausverkauft war das Haus jeden Abend. Wellen geschlagen weit über die Landesgrenzen hat das Werk samt der Inszenierung. Die Designerkleider der Japanerin Rei Kawakubo, werden dank der sündhaften Preise vermutlich zumindest recycelt. Bu-Rufe, wie in den 60er Jahren! Endlich war mal Leben in der Bude. Weg waren die konservativen Bühnenbilder, die normalerweise um die Weihnachtszeit für den Nussknacker aus dem Keller gehievt werden.

Aktuell, zeitnahe und spaltend ging die Oper durch die Musikszene Wiens. Da wollen nicht nur Kunstschaffenden hin, sondern auch die, die es immer schon gewusst haben, dass Frauen keine Opern schreiben können …und auch die, die nicht so viel Geld in der Kulturszene „versenken“ wollen …und auch die, die noch in jeder verdorrten Fliege ein zeitgenössisches Kunstwerk sehen. Alle redeten und diskutierten miteinander – und waren sich einig, dass das Werk Schwächen hat.

Wer woran wieviel Schuld trägt, dass der zweite Teil der Oper so platt und spannungslos rüberkommt, ist beinahe nebensächlich. Es wird einem selbst und es wird der Geschichte Gewalt angetan. Man wird gezwungen es zu ertragen. Wer mutig ist, steht auf und geht. Wer nicht ganz so mutig, aber doch selbstsicher in einer der vordersten Reihen sitzt, wirft einem der amüsiert gelangweilten Hornisten oder einem der drei herumrennenden Percussionisten einen fragend-verzweifelnden Blick zu. Die StreicherInnen sollte man besser in Ruhe lassen. Sie ärgern sich immer noch, dass sie die letzten Jahrzehnte damit verbracht haben, die 444 Hertz für die Phili-Karriere haargenau zu treffen, um jetzt knapp daran vorbei zu spielen. Aber würde man FussballerInnen sagen: „Spiel immer knapp links am linken Pfosten vorbei!“ wäre die Freude auch begrenzt. Wer komplett abgebrüht ist und bei dem ganzen Tohuwabohu gelangweilt dasitzt, soll dem Dirigenten Matthias Pintscher zuschauen, wie er in der ein Meter grossen Partitur blättert. Wenn ich für etwas garantieren sollte, dann dafür, dass niemand sagen kann: „Ich bin dabei einfach weggedöst.“

Gesehen in der Staatsoper.
Aufführungen: bis 20.12.2019 (ausverkauft).
Dauer: 3 1/4 Stunden
Homepage: http://www.wiener-staatsoper.at
(Quelle des Titelbildes)

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