Buchtipp: Die Alles ist möglich-Lüge

Dass Familie und Beruf zwei völlig unterschiedliche Lebensbereiche sind, die sich, wenn man sie nebeneinander ausführt einfach nur addieren, wer das nicht so sagt, belügt sich selbst. So steht es zumindest in Susanne Garsoffkys und Britta Sembachs Buch mit dem Titel: Die Alles ist möglich-Lüge – Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. 

Eltern bewegen sich in ihrem Beruf in einem komplett anderen Kontext, als alleinstehende beziehungsweise kinderlose Erwerbstätige. Oft fehlt es an Verständnis für die jeweils andere Seite und führt in Unternehmen zu Spannungsverhältnissen. Bedürfnisse, auf die man Rücksicht nehmen muss, haben Menschen, die sich um die Zukunft anderer Menschen kümmern müssen zwangsläufig mehr. Den Eltern werden daher immer öfter mehr Rechte und flexiblerer Umgang der Arbeitgeber zugesichert.

Vereinbarkeit ist für den Arbeitsmarkt in Mitteleuropa zentral, dem es in vielen Bereichen an Fachkräften mangelt. Aber nicht nur die Wirtschaft leidet.

Den Preis für die momentane Gleichzeitigkeit der beiden Lebensbereiche Beruf und Familie zahlen alle. Frauen, Kinder und Männer, die Unternehmen, die gut ausgebildete, erfahrene Mitarbeiter mit Kindern – vor allem Frauen – verlieren, weil sie den Spagat unter diesen Bedingungen einfach nicht mehr aushalten und die Gesellschaft, die dadurch auf Steuerzahler verzichten muss.

Natürlich gibt es jene, die den Preis locker zahlen. Andere sind sogar ein bisschen stolz darauf. Die Mehrheit fühlt sich aber zwischen den zwei Welten hin- und hergerissen. Daher fragen wir uns nach unserem eigenen Weg. Meist ist es die Frage, ob mit oder ohne Familie und das wie lange.

Damit sind Unsicherheiten verbunden. Bei Frauen bekanntlich aufgrund ihres Biorhythmus. Das ist mit ein Grund, weshalb es, nicht nur in diesem Buch, bei der Diskussion um die Vereinbarkeit anstatt Gleichzeitigkeit, meist um die Vorzeigefrauen geht. Natürlich auch, weil hart arbeitende Männer selten gefragt werden, wie sie es schaffen Familie und Beruf zu vereinbaren. Frauen beantworten mehr als doppelt so oft wie Männer die Frage, ob sie unter diesem Entscheidungsdruck leiden mit einem „Ja“.
Was weniger bekannt ist: Viele Männer verzichten lange Zeit auf Familie und oft sogar auf eine feste, zukunftsversprechende Partnerschaft. Nur 11% aller deutschen Männer wäre Familie wichtiger als ihre Karriere, wie eine Studie, die „die Welt“ Ende 2014 veröffentlichte, zeigt. Aber dass sie unter diesem jahrelangen Verzicht, beziehungsweise ihrer auf der Hand liegenden Entscheidung für die Karriere unterm Strich nicht weniger leiden als Frauen, fällt erst nach einem schier endlosen Fragenkatalog und dessen Auswertung auf.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist also im Interesse beider Geschlechter und im Interesse von Eltern, wie von jungen kinderlosen Menschen. Auf jeden Fall ist es aber ein Thema, das die Jungen und meist nur aus wirtschaftlichen Aspekten die ältere Generation beschäftigt.

Dass das bisherige Konzept gescheitert ist, scheint für die Autorinnen klar. „Am Anfang der Bewegung stand fest: Alles ist möglich. Für wen, wenn nicht für uns. Die gut ausgebildete Mittelschicht-Generation der 60er/70er Jahre, aufgewachsen in Frieden und ständig wachsendem Wohlstand. Ein guter Job, klar. Eine Familie, später als unsere Eltern zwar, aber natürlich. Geht doch alles. Für alle.“
Bestätigung kam von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Aber nun beklagt die Wirtschaft den Fachkräftemangel und die Gesellschaft die niedrige Geburtenraten.
Ernüchternd stellen Familienstudien fest, dass 58% aller Eltern unter handfesten, stressbedingten gesundheitlichen Beschwerden leiden. Dazu gehören Schlaflosigkeit, Herzrasen, absolute Erschöpfung und Depressionen. Der Anteil der Mütter, die in Folge dessen Kliniken zugewiesen wurden, ist zwischen 2002 und 2012 um 30% gestiegen. Etwas ungläubig schauen wir auf diese Studien. Eine solche Zunahme lässt sich nicht nur durch Verweichlichung der „Friedenszeit-Generationen“ erklären.

Sprechen wir von der „Verwirtschaftlichung“ der Familie, von fehlender Zeit füreinander und dass man die einzelnen Mitglieder der Familie nicht getrennt, sondern zusammen betrachten müsste, weil es nur als Team zu schaffen ist, dass wir einen eindimensionalen Blick auf die Arbeit als reine Erwerbsarbeit haben und Familienarbeit nicht würdigen, dann feuern viele reflexartig zurück mit „dem neuen Familienbild“, der neuen Dimension von Beziehungen, dem Armutsrisiko Familie und so weiter. Familie, das macht man doch nebenbei. Das ist doch kein Lebensinhalt. Oder?

Ein empfehlenswertes Buch um seinen Blick auf Lebensmodelle der heutigen Gesellschaft zu erweitern.

http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Alles-ist-moeglich-Luege/Susanne-Garsoffky/e451880.rhd

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