Über Musik urteilen

Musikmachen heisst Kritisieren, heisst jeder Hörer urteil nach der Frage: Gut oder schlecht? Nicht nur die Hörer, auch die Musikerinnen und Musiker selbst, die Lehrerpersonen und besonders die Liebhaber urteilen in jeder Phase der Stückrezeption. 

Wenn man einen Musiker neben Musikalität durch einen weiteren essenziellen Charakter beschreiben soll, ist dies die Kritikfähigkeit. Tagtäglich wird er kritisiert und kritisiert er – andere und sich selbst. Er ist permanent mit dem Scheitern konfrontiert, da es, ab einem gewissen Niveau, kein Richtig oder Falsch gibt und weil ein Musikstück nie unumstösslich interpretiert werden kann.
Deshalb sollten vor allem klassische Musiker in erster Linie Musik aufführen wollen, um Gedanken zu teilen. Somit ist ein Musiker von seinem Individuum abhängig. Seine Wirklichkeit, seine Sicht auf Dinge, ist die, die er zu teilen versucht und mit der er die Zuhörer berühren und überzeugen möchte.

Um unsere Meinung kundzutun, stehen uns einerseits die Geschmacksurteile, andererseits die Sachurteile zur Verfügung.
Vor allem ältere Generationen sind der Ansicht, Urteile müssten auf musikalischer Analysen basieren. Davon ist man in der heutigen Musikkritik wieder etwas abgekommen. Statt dessen ist man dazu übergegangen, Werteurteile im Rahmen der Kunst stets unter dem Blickwinkel von kulturellen Strömungen zu betrachten. Damit ist Kunst wachsenden Einflüssen und Mode unterworfen oder setzt sich diesen Dogmen bewusst entgegen. Nicht zufällig hat sowohl ein Opernhaus Zürich, mit einer hochmodernen Inszenierung, aber auch ein Wiener Opernhaus, mit der traditionellsten Aufmachung, Ruhm verdient.

Schwierig wird das Urteilen, wenn der Humor hineinspielt und der Hörer absichtlich mit Verwirrungen konfrontiert wird. Der Zuhörer soll den Humor bemerken und verstehen. Das ist der Punkt, wo sich ein hartnäckiger Musikliebhaber von einem oberflächlichen unterscheidet. Endet der Witz unverstanden oder bemüht sich der Hörer über den Inhalt nachzudenken und ihn zu verstehen? Wer kritisiert, sollte sich, wie in jedem Bereich des Lebens, einen Überblick über das Thema verschaffen und recherchieren.

Wenn heute, in einer kommerzialisierten Welt, Kunst problemlos neben Nicht-Kunst steht, wird jedes Urteil schwierig. Darum kommt Manfred Stahnke, ein deutscher Komponist, einst zum Schluss: «Letztlich hat für uns nur das ‹Wert›, was an unsere Seele kommen kann. Und die ist kommerzfrei». Ist das ein Plädoyer für die Wiederauferstehung des reinen «Geschmacksurteils»?

Ein Leitfaden zu gekonnter Musikkritik gibt das Buch: Gut oder schlecht? Urteil und Werturteil in der Musik.
Unter peterlang.com findet sich weitere spannende Fachliteratur für Musiker, Musikwissenschaftler, Musikkritiker, Musikliebhaber und für solche, die vorhaben einer dieser Tätigkeiten in Zukunft nachzugehen.

 

Gut oder schlecht? Urteil und Werturteil in der Musik, (=Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft, Band 30), hg. von Claudia Maurer Zenck und Ivana Rentsch, 188 S., Fr. 37.00, Peter Lang, Bern u. a. 2015, 
ISBN 978-3-631-659997-7

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